Milan Brantusa, 79, ist als Unternehmer und Schausteller im Wurstelprater seit fast 50 Jahren sehr gegenwärtig. Mit seinem Vornamen hatte er es nicht immer leicht.
Jetzt bin ich seit fast zehn Jahren mit meinem elektrischen Einrad unterwegs. Quasi mein Rollator. Meinen Angestellten bin ich damit anfangs auf die Nerven gegangen. Beim Üben habe ich ja immer jemanden gebraucht, an dem ich mich festhalten kann. Du musst im Stand die Balance finden, damit Dir das Board nicht vorne oder hinten wegrutscht. Das war eine Herausforderung. Aber irgendwann hat’s funktioniert. Und seither erledige ich meine Wege im Wurstelprater eben per Monowheel.
Weltberühmter „Rumpfmensch”
Durch meine Frau Elisabeth bin ich vor gut 45 Jahren in eine große Praterdynastie reingestolpert, die Kobelkoffs. Ihr Ururgroßvater war der Nikolai Kobelkoff, der als Rumpfmensch weltberühmt war. Der ist 1851 ohne Arme und ohne Beine auf die Welt gekommen und viele Jahre als „Wunderkind“ in einer Art Freakshow durch die Welt getingelt. Man kann sich das heute nur mehr schwer vorstellen, aber im Filmmuseum gibt es eine kurze Filmaufnahme aus 1900.
Jedenfalls ist der Kobelkoff später im Wiener Prater sesshaft geworden. 1913 hat er den Toboggan errichtet und 1922 die Parzelle mit dem Ringelspiel „Zum großen Chineser“ gekauft. In der Mitte von diesem Karussell stand eine neun Meter hohe, imposant gekleidete Figur, die sich mitgedreht hat: eben der große Chineser, wie ihn die Wiener genannt haben. Der hat ursprünglich dem Basilio Calafati gehört, einem griechisch-österreichischen Zauberkünstler, Gastwirt und Schausteller. Der Kobelkoff hat es ihm abgekauft und damit den Grundstein gelegt.
Nachschub an Plüschtieren
Gemeinsam haben meine Frau und ich uns dann nach und nach vergrößert. Da eine Bude dazu. Und daneben noch eine. Wobei die Expansion immer aufgrund äußerer Einflüsse stattgefunden hat. Für den Schießstand brauchst Du zum Beispiel ständig Nachschub, neue Plüschtiere. Micky Maus geht über die Jahre immer gut. Und die Plüschbären auch. Aber die Figuren müssen halt immer wieder ein bissl anders ausschauen. Und neue müssen dazukommen. Also haben wir irgendwann angefangen, die Ware selbst aus Italien zu importieren. So hatten wir eine größere Auswahl und bessere Preise.
Die Planung für unsere neue Geisterbahn – die Streckenführung, den Namen, die Optik, die Story, die Auswahl der Geister – habe ich später gemeinsam mit meinem Schwager, meinem Sohn und meiner Frau gemacht. Nach zwei Jahren Arbeit konnten wir 2014 als „Hotel Psycho“ neu eröffnen: Check ein in das Hotel des Grauens! 140 Tonnen Stahl auf über 1.000 Quadratmetern Fläche. Mit der Geisterbahn von früher hat das nichts mehr zu tun.
Beten zum Wettergott
Inzwischen fährt sie auch das ganze Jahr über. Wobei die Öffnungszeiten im Prater ohnehin eine ganz eigene Sache sind. Und zwar die des Wettergottes. Der ist der wichtigste im Prater. Du kannst in die Kirche gehen zum Beten, so oft Du willst. Aber wenn’s regnet, wenn’s kalt ist, kommt keiner. Bei uns gibt’s eine Regel: Wenn das Wetter so unfreundlich ist, dass die Leute die Hand mit dem Geld nicht aus dem Hosensack nehmen, dann haben wir keinen Umsatz.
Persönlich ist es mir nie schlecht gegangen. Ich bin 1947 geboren und überzeugt, wenn es einem schlecht geht, dann ist es die eigene Schuld. Meine Mutter ist gestorben, da war ich zehn Jahre alt. Mein Vater hat viel in Kärnten gearbeitet. Ich war eigentlich immer im Internat.
„Viel Arbeit, wenig Lohn”
Erst bin ich im Lycée français in die Schule gegangen, bis heute spreche ich gerne Französisch. Dann habe ich die TGM-HTL gemacht: zwei Jahre Maschinenbau, ein Jahr Kunststofftechnik, ohne Abschluss. Ich bin ausgestiegen und habe beim Vater mitgearbeitet. Der hat Automaten verkauft, ich hab sie aufgestellt und gewartet, serviciert. Brantusa & Sohn, haben die Leute gesagt, viel Arbeit, wenig Lohn. Aber nach und nach haben sie mich gekannt. Bitte, Milan, könntest Du, hat es dann oft geheißen. Und ich konnte eben.
Milan, das war als Name nicht immer einfach. In meiner Kindheit war das noch kein Thema. Aber später hat sich das Klima im Land geändert. Es gab Gastarbeiter. Es wurde gefragt, Milan, bist Du Österreicher? Ja, ich bin im Wiener Dialekt zu Hause. H.C. Artmann war immer schon mein Idol. Sein Buch - med ana schwoazzn dintn – war meine Bibel. Meine Antwort auf solche Frage war dann eben ein Artmann-Zitat:
nua ka schmoez how e xogt!
nua ka schmoez ned
reis s ausse dei heazz dei bluadex
und haus s owe iwa r a bruknglanda!
fomiaraus auf d fabindunxbaun
en otagring...
daun woat a wäu
bis s da wida zuaqoxn is des loch
des bluadeche untan schilee
und sog:
es woa nix!
Ich hab viel gelernt in diesen Jahren. Als Dachdecker, Spritzlackierer, Tankwart. Ich habe mich für Statistik interessiert und programmieren gelernt. Macht kommt von machen. Mit meinem Wissen habe ich immer etwas gemacht. Ich lasse mich als Techniker gerne von einer Idee, von einem Produkt inspirieren. Aber ich baue es mir dann eben so, wie ich es haben will. Immer nach meinem Credo: Wer seine eigenen Wege geht, kann nicht überholt werden. Dieser Spruch steht auch als Untertitel auf einem Buch, das unser Freund Roland Girtler über so „eigenwillige Karrieren“ wie die meine gemacht hat.

Als die meisten Leute noch gar nichts vom Internet wussten, habe ich mir schon die Website prater.at registriert und geschützt. Genauso habe ich es früh schon mit dem Namen Calafati gemacht. Ich hab ihn geschützt und unsere Firma danach benannt.
Fünf Etagen voller Abenteuer
Ich habe einfach immer sehr viel gemacht. Und sehr viel selber gemacht. Bei der Geisterbahn, aber genauso beim Super Top Dance, einem verrückten Haus – fünf Etagen voller Abenteuer, Spaß und Spannung. Oder beim Skull Rock, Fluch der Piraten: In den Weiten des Praters liegt irgendwo im Nebel versteckt die geheimnisvolle Insel „Skull Rock“.
Inzwischen haben wir die meisten Geschäfte an unsere Söhne übergeben. Ich mische mich nicht mehr ein. Aber ich freu mich, wenn es gut weitergeht. Mir ist wichtig, die alten Dinge zu erhalten. Wenn es zum Beispiel die Grottenbahn einmal nicht mehr gibt, dann wird es auch viel anderes nicht mehr geben. Die wurde 1951 erbaut, ist eines der ältesten Fahrgeschäfte im Prater.
Elektromotoren aus U-Booten
Wir haben sie aus dem vorigen Jahrhundert ins neue Jahrtausend gerettet. Da ist vieles noch original. Die zwei Elektromotoren der Zugmaschinen stammen aus dem Zweiten Weltkrieg, die waren einmal in U-Booten verbaut. Vor zehn Jahren haben wir sie generalüberholt. Die funktionieren bis heute.
Früher konnte man mit dem Zug in der Grottenbahn nur eine Runde fahren. Heute fahren wir zwei, damit die Kinder sich in dieser Märchenwelt alles genau anschauen können. Der Wagen am zweiten Zug ist auch noch original, ein prächtiger Schwan. Ich habe ihn vor Jahren wieder auf Hochglanz gebracht, abgeschliffen, Gold und Silber gestrichen, mit vielen Schichten Lack überzogen und mit Flitter bestreut. Heute strahlt er. Obwohl er schon 75 Jahre alt ist.
Legendärer Drache
Den ersten Zug mussten wir aber neu gestalten, weil sich die Kinder vor so einem Ungeheuer heutzutage zu sehr schrecken. Ursprünglich war das ein großer Drache, furchterregend. Der ist inzwischen ins Wien Museum übersiedelt. Der Drache ist legendär und sogar in der Umgangssprache verewigt: Du schaust aus wie der erste Wagon von der Grottenbahn, sagt man heute noch. Um den Spruch auch in ein paar Jahren noch zu verstehen, werden die Jüngeren ins Museum gehen müssen.
Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer
(www.ernstschmiederer.com)
https://www.filmarchiv.at/de/filmarchiv-on/video/f_02zGY41klMPN5Peed4DGre








